Auf dem Dachboden der Eltern, im Schrank der Großmutter oder ganz offiziell im Nachlass: Plötzlich hältst du eine alte Geige in den Händen. Vielleicht verbindest du Erinnerungen mit ihr, vielleicht ist sie dir völlig fremd. Fast immer stellen sich dieselben Fragen: Ist sie etwas wert? Kann man sie noch spielen? Und was mache ich jetzt damit? Dieser Ratgeber aus unserer Werkstatt führt dich Schritt für Schritt durch die ersten Entscheidungen – und zeigt dir, welche Fehler du unbedingt vermeiden solltest.
Viele Schäden an alten Instrumenten entstehen nicht in Jahrzehnten auf dem Dachboden, sondern in den ersten Minuten nach dem Fund. Gut gemeint, aber folgenreich. Deshalb vorab drei Dinge, die du nicht tun solltest:
Liegt der Steg lose im Etui? Dann lass ihn dort. Ein falsch aufgestellter Steg kann die Decke beschädigen.
Bis du weißt, was du mit der Geige machst, braucht sie vor allem eines: stabile Bedingungen.
Bevor du die Geige zum Fachmann bringst, sammle alles, was du findest. Je mehr Informationen vorliegen, desto genauer lässt sich das Instrument einordnen.
Hand aufs Herz: Die allermeisten geerbten Geigen sind keine verschollenen Meisterwerke. Und das ist völlig in Ordnung. Zwischen etwa 1880 und 1930 wurden in Manufakturen in Sachsen und Böhmen Geigen in enormen Stückzahlen gebaut, viele davon mit Zetteln berühmter italienischer Meister. Das war damals ein Hinweis auf das Bauvorbild, kein Echtheitsversprechen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich viele böhmische Geigenbauer hier bei uns in Franken an, vor allem in Bubenreuth. Auch daher stammen zahlreiche Familieninstrumente. Viele dieser Geigen sind solide gebaut und klingen nach einer fachgerechten Überholung wirklich gut.
Ob du eine einfache Manufakturgeige, ein gutes Werkstattinstrument oder etwas Besonderes geerbt hast, erkennt ein Geigenbauer oft schon nach kurzer Zeit. Was eine Einschätzung kostet und welche Art du brauchst, liest du in unserem Ratgeber Was kostet es, eine Geige schätzen zu lassen?
Sobald du weißt, was du in den Händen hältst, hast du im Wesentlichen vier Möglichkeiten.
Die schönste Lösung für ein Erbstück. Vielleicht lernt ein Kind oder Enkelkind darauf, vielleicht fängst du selbst wieder an. Fast jede lange gelagerte Geige braucht dafür vorher eine Überholung: Stimmstock setzen, Steg anpassen, Wirbel gangbar machen, neue Saiten. Danach ist sie wieder ein echtes Instrument.
Risse, offene Fugen oder ein verzogenes Griffbrett lassen sich in der Werkstatt beheben. Ob sich das lohnt, hängt vom Wert des Instruments, dem Schaden und deinem persönlichen Bezug ab. Ein gutes Werkstattinstrument rechtfertigt eine größere Reparatur eher als eine einfache Manufakturgeige. Bei einem Familienerbstück zählt oft aber auch der emotionale Wert. Lass dir vorher einen Kostenvoranschlag machen.
Wenn niemand in der Familie spielt, kann ein Verkauf sinnvoll sein. Eine gespielte, gut eingestellte Geige erzielt dabei in der Regel einen besseren Preis als ein Instrument im Dachboden-Zustand. Ohne Einschätzung solltest du nicht verkaufen, sonst verschenkst du womöglich Geld – oder erwartest einen Preis, den der Markt nicht hergibt.
Auch eine Geige, die nicht gespielt wird, kann ein wunderbares Erinnerungsstück sein. Dann gilt: gut lagern, ab und zu kontrollieren und – bei höherem Wert – versichern. Die Hausratversicherung deckt Instrumente oft nur eingeschränkt, eine spezielle Instrumentenversicherung verlangt meist ein Wertgutachten.
Für die meisten geerbten Geigen spielt die Erbschaftsteuer keine Rolle. Musikinstrumente zählen nach gängiger Einordnung nicht zum Hausrat, sondern zu den sonstigen beweglichen Gegenständen. Dafür gibt es für nahe Angehörige (Steuerklasse I) einen eigenen Freibetrag von 12.000 € – zusätzlich zu den persönlichen Freibeträgen. Bei einem wirklich wertvollen Instrument solltest du trotzdem mit einem Steuerberater sprechen. Wir sind Geigenbauer, keine Steuerberater.
Nein. Alter allein macht eine Geige nicht wertvoll. Entscheidend sind Erbauer, Qualität der Arbeit und Zustand. Eine hundert Jahre alte Manufakturgeige ist oft weniger wert als ein gutes neues Meisterinstrument.
Besser nicht. Alte Saiten sind meist spröde und klingen schlecht, und vor allem sollte vorher geprüft werden, ob Stimmstock und Steg richtig sitzen. Erst die Werkstatt, dann das Spielen.
Lass ihn unbedingt mit begutachten. Viele Bögen brauchen nur eine neue Behaarung, um wieder spielbar zu sein. Einzelne alte Bögen sind gefragte Sammlerstücke.
Wenn sie gespielt werden soll, oft ja. Eine Grundüberholung ist bei vielen Instrumenten deutlich günstiger als ein neues Instrument vergleichbarer Qualität. Wichtig ist, dass vorher klar ist, welche Arbeiten nötig sind.
Eine geerbte Geige verdient vor allem eines: Geduld. Nicht stimmen, nicht kleben, nicht putzen. Stattdessen gut lagern, alles dokumentieren und das Instrument von einem Geigenbauer anschauen lassen. Danach kannst du in Ruhe entscheiden, ob sie wieder klingen, ein neues Zuhause finden oder als Erinnerung bei dir bleiben soll.
In unserer Werkstatt in Effeltrich reparieren und stellen wir Streichinstrumente aller Hersteller ein – auch alte Familieninstrumente, die jahrzehntelang nicht gespielt wurden. Ruf einfach an unter +49 160 4989641 und vereinbare einen Termin. Wenn deine Geige danach ein Upgrade braucht, findest du unsere handgefertigten Instrumente unter Violinen.
Klaus Heffler · Geigenbau seit 1985
Entdecke die Welt des Geigenbaus: Ratgeber aus der Werkstatt von Klaus Heffler – mit spannenden Einblicken und praktischen Tipps rund um dein Instrument.